Mehr Watt, mehr Drehmoment, mehr Fragen – die Kraftspirale im eMTB-Antrieb

Ein Kommentar zur aktuellen Motorenentwicklung – und was wir davon halten

Immer mehr Kraft – aber braucht es das überhaupt?

Wer in den letzten zwei Jahren die Entwicklung im eMTB-Markt verfolgt hat, kommt um eine Frage nicht herum: Wann ist genug genug? Die Zahlen, die heute auf Datenblättern stehen, haben mit dem, was vor zehn Jahren als Benchmark galt, wenig gemein. Und der Wettbewerb hat sich in eine Richtung entwickelt, die wir – als Velofachhandel – kritisch beobachten.

Der Benutzer auf dem Trail fragt sich meist nicht, wie viel Newton-Meter sein Motor erzeugt. Er will ankommen, Spass haben, das Gelände erleben. Ob es dafür 85 Nm oder 150 Nm braucht, ist eine Frage, die sich die Industrie vielleicht öfter stellen sollte – bevor sie die nächste Zahl in den Raum wirft.

Wie alles begann: Die Entwicklung der Motorleistung

Bosch, der seit über einem Jahrzehnt den europäischen eMTB-Markt prägt, startete 2010 mit den ersten Antrieben im Bereich 50 bis 60 Nm. Solide, zuverlässig, alltagstauglich. Mit der Performance Line, die 2014 auf den Markt kam, und der 2015 eingeführten Performance Line CX, begann Bosch das Segment der sportlichen eMTBs zu bedienen. Die CX wurde zur Referenz und hat seitdem eine bemerkenswerte Kontinuität gezeigt: Seit ihrer Einführung 2015 hat Bosch kontinuierlich an Leistung, Integration und Fahrmodi gearbeitet. Mitte 2019 folgte die vierte Generation mit einem maximalen Drehmoment von 75 Nm, das danach per Software-Update auf 85 Nm angehoben wurde. Über viele Jahre blieb diese Marke der Standard – und war für die allermeisten Fahrerinnen und Fahrer absolut ausreichend.

Dann kam der Juli 2024.

An der Eurobike 2024 in Frankfurt debütierte DJI mit dem Avinox-Antriebssystem – ein Paukenschlag, denn bisher dominierten Hersteller wie Bosch, Brose, Fazua und Shimano den Markt. DJI, international bekannt für Drohnen, betrat damit ein völlig neues Feld. Der neue Avinox M1 Motor übertraf auf dem Papier die gesamte Konkurrenz auf einen Schlag: 105 Nm Dauerdrehmoment, im Boost-Modus kurzzeitig bis zu 120 Nm, und 850 Watt Spitzenleistung – bei einem Gewicht von gerade einmal 2,52 Kilogramm. Zur Einordnung: Der damalige Bosch CX brachte 85 Nm und 600 Watt auf die Waage, war dabei aber 2,9 Kilogramm schwer. Gleichzeitig lancierte DJI mit Amflow eine eigene Bikemarke – das erste Fahrrad mit dem neuen Motor war fertig.

Die chinesische Philosophie: Schnell, schneller, und dann noch schneller

Und genau hier beginnt unsere Skepsis. Seit dem Launch des Avinox M1 an der Eurobike 2024 haben zahlreiche Bikemarken den Motor integriert – darunter Commencal, Rotwild, Forbidden, Unno, Megamo und weitere. Erste Bikes kamen im Herbst im Verlauf vom Jahr 2025 in den Handel. Unsere ersten Rotwild Modelle mit Avinox Motor haben wir im Dezember 2025 kurz vor Weihnachten erhalten. Und bereits im April 2026 – vier Monate später – präsentierte Avinox mit dem M2S und M2 bereits die nächste Generation von Motoren.

Der M2S bietet nun 130 Nm Dauerdrehmoment, im Boost-Modus sogar 150 Nm, und eine Spitzenleistung von bis zu 1.500 Watt. In weniger als zwei Jahren von 850 auf 1.500 Watt Spitzenleistung – das ist nicht Evolution, das ist Produktpolitik.

Was bedeutet das für jemanden, der heute ein eMTB mit Avinox M1 kauft? Kommt an der Eurobike im Juni dann schon die nächste Neuheit? Und: Kann sich eine solche Strategie langfristig als nachhaltig erweisen – weder für das Material (Ketten, Kassetten, Reifen verschleissen bei 1.500 Watt schneller), noch für den Kunden, noch für die Umwelt? Auch Schweizer Fachmedien stellen diese Frage: Es bleibt abzuwarten, wie sich diese Rohkraft auf den Verschleiss von Ketten, Ritzeln und Reifen auswirkt.

Bosch antwortet – und das auf elegante Weise

Bosch hat die Ansage aus China sehr wohl gehört. Die Antwort war jedoch eine andere, als viele erwartet hätten – und sie verdient Respekt.

Anstatt eilig einen neuen Motor zu entwickeln, hat Bosch im Jahr 2025 das «Performance Upgrade» eingeführt und 2026 mit dem «Performance Upgrade 2.0» nachgezogen. Das Konzept: kein neuer Motor, keine neue Hardware, kein Wegwerfen bestehender Bikes. Stattdessen ein kostenloses Software-Update für bereits verkaufte Antriebe. Der Bosch Performance Line CX, der bisher 85 Nm leistete, kommt mit dem Update 2026 auf 120 Nm Drehmoment – ein Sprung von über 40 Prozent, per App aktiviert. Die maximale Unterstützung steigt auf 600 Prozent, ebenfalls durch reines Software-Update.

Und das Entscheidende: Bosch überlässt dem Kunden die Wahl. Wer mehr Kraft möchte, aktiviert das Update. Wer nicht, behält seine bewährten Einstellungen. Das ist Respekt vor dem Nutzer – und eine kluge Antwort auf die Frage, ob ein Motor wirklich neu sein muss, nur um konkurrenzfähig zu bleiben. Mit dem Update erreicht der Bosch CX nun exakt jenen Dauerdrehmoment-Wert, den Avinox beim M1 als Boost-Highlight vermarktet hat. Kein neuer Motor war nötig.

After-Sales und Garantie: Ein offenes Kapitel

Eine Frage, die uns als Händler beschäftigt und die wir offen ansprechen möchten: Wie ist die Garantie- und Serviceabwicklung für Avinox in der Schweiz geregelt?

Laut Schweizer Fachpresse befindet sich der Vertrieb in der Schweiz und die genaue Ausgestaltung des Services noch in der Evaluationsphase. Von DJI aus wurde zum Thema Service zunächst nur auf das globale Netzwerk mit 20 Service-Centern weltweit verwiesen. Die ursprüngliche Kommunikation sprach von einem gut durchdachten Servicenetz: eine Hotline, lokale Händler und ein grosses Ersatzteillager in den Niederlanden, das Ersatzteile innerhalb von drei Tagen liefern sollte. Das klingt gut – auf dem Papier.

Die Praxis sieht teilweise anders aus. Das allgemeine Modell für Garantien sieht vor, dass man zum Händler zurückkehrt, der den Anspruch über das Avinox-Partnernetzwerk mit DJI abwickelt. In der Praxis variiert die Erfahrung stark. Es gibt Berichte über wochenlange Wartezeiten auf Ersatzteile, und motorspezifische Probleme erfordern oft das Einschicken des Motors an ein Avinox-Servicecenter. Mit weltweit rund 20 Servicecentern ist die Abdeckung dünn.

Für die Schweiz sind uns noch keine klar definierten, offiziellen Servicewege für Endkunden bekannt. Garantiefälle laufen offenbar über den jeweiligen Bikehersteller, der seinerseits mit dem europaweiten Avinox-Netzwerk – mit Lager in Holland – koordiniert. Eine direkte, lokale Anlaufstelle in der Schweiz existiert nach unserem Kenntnisstand noch nicht. Das ist eine Lücke, die sich Avinox dringend anschauen sollte, wenn sie im Schweizer Markt langfristig Fuss fassen wollen.

Nachtrag: Mittwoch, 3. Juni 2026
CHRIS sports AG ist ab sofort offizieller Service- und After-Sales-Partner für Avinox in der Schweiz und in Liechtenstein.

Unsere Haltung: Offen, aber mit Fragezeichen

Wir sind keine Technologieverweigerer. Im Gegenteil: Neue Antriebssysteme, neue Ideen, neuer Wettbewerb – das ist gut für den Markt, gut für die Kundschaft und gut für die Innovation. Auch Avinox hat echte technische Stärken: Das System ist kompakt, leistungsdicht, modern vernetzt und bietet einen interessanten Boost-Modus für technische Passagen.

Aber Stärken auf dem Datenblatt sind das eine. Was wir uns von einem System wünschen – und was unsere Kundinnen und Kunden von uns erwarten – ist langfristige Verlässlichkeit: klare Servicestrukturen, planbare Ersatzteilverfügbarkeit, Garantieabwicklung ohne graue Zonen und eine Produktstrategie, die nicht alle paar Monate das eigene Vorgängermodell obsolet macht.

Die Frage, ob 150 Nm wirklich ein Kundenbedürfnis abdecken oder primär ein Marketingargument sind, bleibt offen. Für die meisten Trails in der Schweiz war bisher gutes Fahrkönnen der entscheidende Faktor – nicht die Motorleistung.

Unser Rotwild R.EX mit Avinox M1: Eindrücke aus der Ausstellung

Wir sind nicht nur Beobachter. Wir haben ein Rotwild R.EX mit Avinox M1 in unserer Ausstellung – und wer Fragen hat oder eine Probefahrt möchte, ist herzlich eingeladen.

Das Rotwild R.EX war das weltweit erste Rad mit DJI Avinox und entnehmbarer Batterie – ein Alleinstellungsmerkmal, das technisch viel Sinn ergibt. Das Bike überzeugt mit dem typisch hochwertigen Rotwild-Carbonrahmen, einem ausgewogenen 160/150-mm-Fahrwerk und einem Motor, der seinen Schub sehr direkt und unmittelbar abgibt. Im Uphill zeigt der Eco-Modus sich gemächlich, wer aber die volle Motorpower abruft, spürt sofort den satten und zügigen Vortrieb des Avinox – beim Gangwechsel muss man sich kurz an eine kleine Unterstützungspause gewöhnen, das ist systembedingt und kein Mangel.

Das System fühlt sich anders an als Bosch – direkter, bisweilen etwas weniger smooth, dafür mit mehr unmittelbarem Punch. Wer klären will, ob dieses Fahrgefühl zu ihm oder ihr passt, soll zu uns kommen. Genau für solche Gespräche sind wir da.

Fazit

Die Motoren werden stärker – das ist unbestritten. Die Frage, die sich die Branche stellen muss, ist nicht «wie viel mehr?», sondern «wozu?» Wir freuen uns über jeden neuen Mitspieler, der die Szene bereichert. Aber echte Kundennähe, nachhaltige Produktzyklen und verlässlicher After-Sales-Service werden am Ende mehr zählen als die nächste Watt-Zahl auf dem Datenblatt.

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